Langzeittest mit dem focus sam² pro über 500 km

Das Focus Sam² Pro Fully e-MTB im Dauertest

Seit Ende März haben wir das neue Focus Sam² in der Pro-Version im Testpool und jagen es seit dieser Zeit landauf, landab, über Stock und Stein. So kamen zwischenzeitlich 500 km Laufleistung auf die Uhr und daher wird es jetzt Zeit für einen ersten Zwischenbericht im Rahmen des Dauertests dieses Enduro-Bikes. Welche Stärken und Schwächen sich in dieser Zeit heraus kristallisierten, erfahrt ihr in diesem Artikel. Ein kleines Video dazu gibt es an dieser Stelle auch noch. Das Focus Sam² Pro hatten wir in den letzten Wochen in einer Fotostrecke sowie einem ersten Eindruck aus der Praxis bereits etwas näher vorgestellt. Nun sind wieder einige Wochen ins Land gezogen und es wurden etliche tausend Höhen- wie Tiefenmeter mit diesem Endurobike in Angriff genommen.


Unsere Teststrecken mit dem Focus Sam² PRO

Dabei war ich mit dem Bike primär im Südschwarzwald unterwegs, daneben am Lago Maggiore auf dem Rampi Carza Trail sowie im Allgäu am Ammergebirge. Hierbei standen immer anspruchsvolle Abfahrten im Vordergrund, denn so ein Enduro Bike mit 170 mm Federweg in Front und Heck möchte ja schließlich einsatzgerecht gefahren werden. Dank leistungsstarkem Shimano E8000 Mittelmotors ist der Shuttleservice quasi im Bike eingebaut um den Einstieg in die gewünschten Trail-Abfahrten zu finden. So bestätigte sich in der vergangenen Zeit immer wieder, dass der Shimano Mittelmotor im Zusammenspiel mit dem 30 Zellen starken 378 Wh Akku Aufstiege von knapp 1000 Hm ermöglicht. Dies hatten wir bereits auf einer Testfahrt mit dem Allmountainmodell Jam² über unsere 1000Hm Teststrecke auf den Kandel im Südschwarzwald in Erfahrungen bringen können. Dies bestätigt sich nun im Sam², mit gleichen Akkukonzept, ebenfalls.

Mit dem Focus Sam² am Lago Maggiore

Bei der Fahrt am Lago Maggiore zum Rampi Carza Trail war es sogar so, dass der Akku auf der Abfahrt komplett erschöpft war und kleine Gegenanstiege mit reiner Muskelkraft getätigt werden mussten. Geht mit dem Shimano E8000 Antrieb noch ganz ordentlich, da der innere Widerstand kaum spürbar ist - auf Dauer macht es natürlich keinen Spaß, dennoch habe ich auf diese Weise um die 100 Hm im "alten" klassischen, motorlosen Stil absolviert.

Mit dem Focus Sam² im Allgäu

Der Aufstieg zum Ammergebirge im Allgäu ist kurz und steil. Hier ging es ebenfalls an die 1000 Hm Grenze heran. Da auf dieser Strecke die Reichweitenangst doch etwas mitspielte, schonte ich den Akku bereits auf der Anfahrt vom 18 km entfernten Lechbruck am See soweit es ging und absolvierte die Strecke bis zum Fuße des Anstiegs in der kleinsten Unterstützungsstufe oder schaltete den Antrieb zeitweise sogar komplett aus. In flachen Passagen lässt sich das Bike hier trotzdem noch ordentlich mit etwas über 20km/h fortbewegen. Im Anstieg selbst ging es im Schnitt mit einer 10% Steigung hinauf auf den Wolfskopf. Hierbei ging es maximal in der mittleren Unterstützungsstufe "TRAIL" hinauf. Das letzte Stück zum Gipfel musste über etwa 40 m bergauf über grobes Wurzelwerk geschoben werden, hierbei erwies sich die Schiebehilfe als ausgezeichnete Untersützung. Soviel also zu den Möglichkeiten den Berg hinauf.


Das Focus Sam² PRO im Downhill-Flow

Bergab beweist das Sam² immer wieder seine wahre Stärke und es wird deutlich für welchen Einsatzzweck es eigentlich konzipiert ist. Egal ob flowige und griffige Trails oder stark verblockte, steinige Passgen. Das Focus Sam² liegt in jeder Situation unglaublich gut im Gelände und vermittelt enorm viel Sicherheit. Dazu ist das Bike beeindruckend gut ausbalanciert, was sich bei kritischen Fahrsituationen am Limit immer wieder sehr positiv bemerkbar macht. So hatten wir im Allgäu wie auch in den Alpen bergab oft mit nassem, groben Gestein zu kämpfen. Wer hier zu viel bremst riskiert einen Sturz aufgrund mangelndem Grip auf diesem anspruchsvollen Untergrund.

Eine Geometrie für Sicherheit und Agilität

Das Focus Sam² Pro im Langzeittest

Die Devise lautet also, so wenig wie möglich bremsen und das Bike hochkonzentriert immer in die richtige Linie zu legen. Dies klappt mit dem Sam² ausgesprochen gut, da das Fahrwerk viele Reserven aufbietet und die Rahmengeometrie eine besonders gute Kombination aus Agilität und Laufruhe bietet. Hierbei ist das Zusammenspiel aus Radstand, Steuerrohrwinkel und Kettenstrebenlänge so ausgewogen ausbalanciert, dass es sich über beide Räder driftend, leicht untersteuernd, immer wieder gut abfangen lässt.

Das Fahrwerk: F.O.L.D-Hinterbau und Gabel

Unsere Erfahrungen mit dem Focus Sam² Pro im Langzeittest

Der Hinterbau (Focus nennt das Ganze F.O.L.D. Konstruktion) des Focus Sam² bietet 170 mm Federweg - hierbei kann das erste Drittel des Federwegs mit offener Druckstufe extrem soft gefahren werden. Vor allem auf unbekanntem Terrain und unter nassen, schwierigen Bedingungen, wo man nicht jede Unebenheit kennt, ist dies ein großer Vorteil, da das Hinterrad extrem viel Traktion bekommt. Auf meinem vertrauten Haustrail unter trockenen Bedingungen hingegen lasse ich es gerne krachen und hier nutze ich dann die mittlere Druckstufen-Position des Fox Float Dämpfers um den Hinterbau etwas härter zu bekommen - dies schafft mehr Speed und Airtime bei Anliegern und kleinen Sprüngen. Die Fox Gabel mit ihren 36er Gabel-Rohren arbeitet und harmoniert hier perfekt mit dem Hinterbau. Dass die Fox 36 Float eine richtig gute Gabel ist, da sie einfach einzustellen ist und immer perfekt funktioniert, hatte ich bereits im Artikel zum ersten Eindruck dokumentiert. Dies bestätigte sich in den letzten 500 km weiterhin. Ihr seht, dass Focus Sam² bereitet mir richtig richtig viel Spaß im Gelände da es so viel Potenzial hat und nahezu perfekt funktioniert.  


Unsere Kritikpunkte am Sam² PRO

Natürlich gibt es auch ein paar Schattenseiten, welche sich in den letzten Wochen gezeigt haben. Niemand ist perfekt und bei aller Begeisterung auch nicht das Sam² PRO. So hat die vordere SRAM 200er Bremsscheibe bei der Abfahrt vom Rampi Carza Trail eine Unwucht bekommen. Vermutlich wurde diese auf den letzten Kilometern die Straße hinab dann doch etwas sehr heiß und verformte sich leicht, wobei jedoch keine Blaufärbung zu erkennen ist. Auf den Bremspunkt hat dies keine Auswirkung, dieser ist weiterhin satt, gleichmäßig und stabil gut zu dosieren. Dennoch werde ich die Scheibe bei nächster Gelegenheit austauschen, da ich bei diesen sicherheitsrelevanten Komponenten kein Risiko eingehen werde.

Focus Sam² Pro Fully e-MTB mit Kettenschaltung von SRAM

Größter Kritikpunkt meiner Ansicht nach ist die SRAM EX1 Schaltung mit ihren acht Gängen. Natürlich ist diese Meinung total subjektiv und liegt in meinem Fahrverhalten begründet. Auf dem e-Bike fahre ich gerne in der niedrigsten Unterstützungsstufe und schalte nur in einen höheren Modus, wenn es die Strecke tatsächlich erfordert. Für Turbo-Fahrer ist die EX1 mit Sicherheit besser geeignet. Ich allerdings komme mit den großen Gangsprüngen von etwa 25 U/min nicht so gut klar.

Ich habe es im Video nochmals versucht deutlich zu machen - vor allem in den Unterstützungsstufen ECO und TRAIL finde ich für meine Fahrweise und meine optimale Trittfrequenz schwer den richtigen Gang. Entweder ist die Trittfrequenz bei knapp 100 auf Dauer zu hoch oder beim Schaltvorgang in den nächsten Gang mit 75 zu niedrig, so dass ich in der Konsequenz doch wieder zurückschalte und parallel dazu meine Geschwindigkeit etwas reduziere um bei einem Tritt von etwa 85 Umdr./min. zu landen.

Natürlich könnte ich den höchsten Unterstützungssgrad "Boost" schalten um dieser Problematik aus dem Weg zu gehen. Dann habe ich aber wieder einen höheren Energieverbrauch, was ja eigentlich wiederum nicht zu diesem reduzieren Akkukonzept mit 378Wh passt.

Dabei liegt die Lösung doch so nah - Liebe Focus Leute, verbaut einfach eine 11fach Schaltung wie bei den anderen beiden Sam²-Modellen aus dieser Serie - vielleicht sogar in der DI2 Version, das würde zum Shimano System passen.

Das Focus Sam² Pro im Langzeittest

Weiterhin Probleme gibt es bei der Konnektivität des Shimano Systems über eine Bluetooth Verbindung zum Mobiltelefon. Der Verbindungsaufbau ist nicht bei jedem Versuch erfolgreich, was einem Glücksspiel gleicht. Nach wie vor unklar ist die Ursache dieses Problems. Weiteres kleines Details ist das Hochfahren des Shimano Antriebs. Nach dem Betätigen des futuristisch anmutenden Startknopfs auf dem Oberrohr dauert es mir oft zu lange bis das System einsatzbereit ist. Wenn ich dabei noch ungeduldig einen Fuß auf dem Pedal habe quitiert das System diese Pedallast während dem Einschaltprozess mit einer Fehlermeldung. Ein wirklich kleines Detail - mir ist es aber aufgefallen



Fazit zum Focus Sam² nach 500 km im Dauertest

Das Focus Sam² Pro ist 2018 mein Lieblingsbike in der Kategorie Enduro weil ich von dem mutigen Akkukonzept überzeugt bin und das Bike unglaublich gut im Gelände geht. Ich denke es bräuchte nicht einmal die "PRO" Top-Ausstattung um von dieser Kiste begeistert zu sein. Focus hat hier was richtig gutes auf die Räder gestellt und bisher gab es noch keinerlei direkte Defekte. Absolut herausragend ist das Handling, welches aus dem niedrigen Gewicht von etwas über 21 kg und dem ausbalancierten Fahrwerk resultiert. Das Shimano E8000 Antriebsystem läuft tadellos unter allen Einsatzbedingungen, bietet immer genügend Power und lässt sich dosiert fahren. Lediglich die SRAM EX1 8-fach Schaltung ist meiner Ansicht nach eine Fehlbesetzung, da die Gangsprünge zu groß sind. Einen entnehmbaren Akku habe ich bisher nicht vermisst, sicherlich aber ein Kriterium welches es je nach Tour zu bedenken gilt.



Unser Testfahrer: Julian

e-MTB Testfahrer Julian

Seit beinahe 30 Jahren ist Julian nun schon begeisterter Offroad-Sportler. Nachdem er bereits viele Jahre auf den Singletrails des Südschwarzwaldes unterwegs war, entschied er sich im Jahr 2012 zum ersten Mal für eine spritziges e-MTB anstelle eines herkömmlichen Bikes. Die Bergetappen seiner Heimat machten mit dem Haibike XDURO FS RX e-Fully mit Bosch-Antrieb an Bord gleich noch viel mehr Spaß. Vor allem stellte er fest, dass ihm durch die Unterstützung vom Elektromotor bei steilen Anstiegen mehr Kraftreserven für Sprünge und Drops auf flowigen Trails bleibt, die er am liebsten mit 29“ Allmountain- und Enduro e-MTBs bestreitet. Seine Erfahrungen mit dem e-Mountainbike Sport teilte Julian bis vor Kurzem auf seinem beliebten Blog Pedelec-Biker.de und hat hierfür alle gängigen Elektromotoren von Bosch, Yamaha, Shimano und co. seinem Höhenmetertest unterzogen. Mit seinem großen Know-How rund um Technik und Fahrkunst unter Extrembedingungen ist er nun seit 2018 ein wichtiger Teil von e-MTB.de!