Tubeless oder doch mit Schlauch?

e-Mountainbike-Reifen: Tubeless oder mit Schlauch?

Welche Vor- und Nachteile ergeben sich beim Fahren mit schlauchlosen Reifen auf einem eMTB?
Viele moderne e-Mountainbikes besitzen Laufräder, welche eine Umrüstung auf Tubeless, also einem Reifen ohne Schlauch erlauben. Hierzu braucht es neben einer geeigneten Felge und einem entsprechenden Reifen weiteres Zubehör wie ein spezielles Felgenband, Ventile, sowie natürlich Dichtmilch. In den letzten 18 Monaten bin ich das Focus Sam² mit Schlauchreifen gefahren und demgegenüber das Specialized Turbo Levo schlauchlos. Welche Erfahrungen und Erkenntnisse sind aus dieser Zeit hängen geblieben?


Die beiden Testmodelle in der Gegenüberstellung

Das Focus Sam² wurde in Serienkonfiguration gefahren, d.h. mit einem Maxxis Minion DHF 2,5” Reifen in der Front und im Heck ein 2,4” DHR Modell, beide in der Größe 27,5” und eben mit einem klassischen Schlauch in den Reifen. Die Maulweite der RaceFace Laufräder beträgt 30mm. 

 

Das Levo aus dem Jahr 2019 wurde schon vor länger Zeit auf 29” Laufräder umgerüstet, hier sind DT Swiss 1900er Hybrid Laufräder mit einer Maulweite von 30mm gerüstet. Auf diesen befinden sich 2,35” Breite Specialized Butcher Pneus - ohne Schlauch. Die Umrüstung an sich ist eigentlich relativ einfach und schnell erledigt. 

Focus Sam² (links) mit Schlauch Reifen                                                   Specialized Levo FSR auf 29" Tubeless Laufrädern


Defekte mit Schlauch und Tubeless

Erstaunlicherweise gab es am Focus Sam² während der Laufzeit über etwas mehr als 2.000 km lediglich drei Platten - einmal vorne, zweimal hinten. Damit ist das Schlauchsystem als sehr zuverlässig anzusehen. Das Einsatzgebiet war sehr breit gestreut und umfasst klassisches Mittelgebirge aber auch alpines, felsiges Gelände. Nicht einmal war ein klassischer Snakebite (Reifen & Schlauch werden bis auf die Felgenkante gedrückt) dabei!

 

Das Tubeless System auf dem Specialized Levo hatte da schon mit mehr Problemen zu kämpfen. Wenn der Luftdruck im Reifen nicht 100%ig stimmt, kam es nach unsauberen oder brutalen Fahrmanövern einige Male vor, dass es den Reifen kurzzeitig vom Felgenhorn zog, was mit einem enormen Druckverlust verbunden war. Der Reifen ließ sich dann zwar wieder aufpumpen, bzw. notdürftig nach Hause fahren - dennoch musste die Fahrt unterbrochen werden.

Welcher Reifen brauch mehr Pflege - Tubeless oder Schlauch-Pneu?

Das A und O an beiden System ist ein passender Luftdruck in den Reifen bzw. dem Schlauch. Hierbei zeigt sich das Schlauchsystem als deutlich stabileres Instrument, da der Reifendruck über mehrere Monate immer nur in geringem Umfang von einigen wenigen Zehntel Bar korrigiert werden musste. Im Mittel fuhr ich hier mit 1,7bar vorne und 1,9bar im Heck.

 

Das Tubeless System des Levos hält den Druck in den Reifen über einige Wochen recht stabil. Dann scheint jedoch die Dichtmilch einem Alterungsprozess zu unterliegen und die Reifen beginnen nach einiger Zeit, bei längerem Stillstand von mehreren Tagen, deutlich Luft zu verlieren. Hier muss dann Dichtmilch nachgekippt, bzw. das Tubeless System abgebaut, gereinigt und neu angelegt werden. Eine mitunter nervige Angelegenheit, vor allem wenn der Reifen im Inneren mit Milchresten verklebt ist. In den 29” Laufrädern fahre ich einen Druck von 1,8bar vorne und 2,0bar hinten.

Defektes Tubeless System                                eingetrocknete Dichtmilch im Reifen                          Snaktebite im Reifen

Laufeigenschaften von Tubeless und Schlauchreifen im Vergleich

Nun ist hier der Vergleich zwischen 27,5” und 29” natürlich nicht ganz neutral. Es lässt sich dennoch festhalten, dass die 29" Tubeless Version unheimlich gut und leichtfüssig zu beschleunigen ist. Dies wird vor allem im Geschwindigkeitsbereich über 25km/h, also da wo die Motorunterstützung aufhört, deutlich bemerkbar. Da beide System mit einem beinahe identischen Luftdruck gefahren werden, gibt es im Gripniveau keine wesentlichen Unterschiede, welche nun auf Tubeless oder eben mit Schlauch zurückzuführen wären.

Tubeless bei Plus-Bereifung?

Im Laufe der letzten Jahre hatte ich bereits auch ein 27,5”+ System auf Tubeless laufen, hier sogar mit dem Schwalbe ProCore System. Bei dieser Variante kam es ohne ProCore zu Snakebites in der Karkasse am Maxxis Minion DHR2 Hinterreifen in der Größe 27,5” x 2,8”. Ebenso am Schwalbe NobbyNic in der gleich Dimension. Tubeless am Plus-Reifen macht daher aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn, da der Reifendruck so oder so auf einen Bereich angehoben werden muss, in welchem die Vorteile eines breiten Plus-Reifens beinahe neutralisiert werden. Dies ist mit ein Grund dafür, warum ich mich noch nie für die mittlerweile weniger populären, breiten Reifen begeistern konnte.

Fazit

Ein Fazit fällt hier nun gar nicht so einfach, alles in allem würde ich das Schlauchsystem aufgrund seiner einfachen Handhabung aktuell jedoch bevorzugen. Die Umrüstung auf Tubeless bringt sicherlich eine kleine Gewichtsersparnis an der rotierenden Masse. Dem gegenüber steht jedoch ein System, welches einen hohen Pflegeaufwand einfordert. Damit verbunden dürfte das Schlauchsystem sicherlich das kostengünstigere sein.

 

Wer jedoch gerne an seinem Bike schraubt und optimiert, für den ist die Tubeless Umrüstung quasi eine Pflichtoption. 


Unser Testfahrer: Julian

e-MTB Testfahrer Julian

Seit beinahe 30 Jahren ist Julian nun schon begeisterter Offroad-Sportler. Nachdem er bereits viele Jahre auf den Singletrails des Südschwarzwaldes unterwegs war, entschied er sich im Jahr 2012 zum ersten Mal für eine spritziges e-MTB anstelle eines herkömmlichen Bikes. Die Bergetappen seiner Heimat machten mit dem Haibike XDURO FS RX e-Fully mit Bosch-Antrieb an Bord gleich noch viel mehr Spaß. Vor allem stellte er fest, dass ihm durch die Unterstützung vom Elektromotor bei steilen Anstiegen mehr Kraftreserven für Sprünge und Drops auf flowigen Trails bleibt, die er am liebsten mit 29“ Allmountain- und Enduro e-MTBs bestreitet. Seine Erfahrungen mit dem e-Mountainbike Sport teilte Julian bis vor Kurzem auf seinem beliebten Blog Pedelec-Biker.de und hat hierfür alle gängigen Elektromotoren von Bosch, Yamaha, Shimano und co. seinem Höhenmetertest unterzogen. Mit seinem großen Know-How rund um Technik und Fahrkunst unter Extrembedingungen ist er nun seit 2018 ein wichtiger Teil von e-MTB.de!